Sonntag, 2. September 2012

Markus Lanz: man kann nicht nicht kommunizieren


Ich stelle mir den ganzen Abend schon eine Frage: Was hat Markus Lanz denn eigentlich tatsächlich im Interview mit dem Focus gesagt? Darüber spricht keiner. Stattdessen eiert das ZDF, eiert Herr Lanz und der Focus gibt – juristisch korrekt der ZDF-Pressestelle die Schuld. Über den Kern redet aber keiner.

Die Vorgeschichten:
- Der Focus verschickt eine Pressemitteilung zu einem Interview mit Markus Lanz. Kernaussage: "Ich bin mir ganz sicher, dass er  (Gottschalk) 'Wetten, dass ...?' schaden will".

- Kurze Zeit später reagiert das ZDF: „In der entsprechenden Interviewpassage mit dem Focus hatte Markus Lanz wörtlich gesagt: 'Ich bin mir ganz sicher, dass er 'Wetten, dass..?' nicht schaden will.' Das Wort 'nicht' ist im Zuge der Autorisierung des Interviews aus nicht nachvollziehbaren Gründen gelöscht worden. Leider ist uns der Fehler nicht aufgefallen.”

- Markus Lanz meldet sich via Bild zu Wort: „Ich weiß, dass Thomas Gottschalk nichts ferner liegt, als der Sendung, die so sehr mit ihm verbunden ist, zu schaden. Warum das Wörtchen ,nicht` aus dem Originalzitat gerutscht ist, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass es sehr viel wichtigere Probleme auf der Welt gibt als das."

- Der
Focus antwortet beiden: "Durch die Pressemitteilung des ZDF entsteht der Eindruck, das Nachrichtenmagazin Focus hätte bei der Autorisierung des Interviews mit Markus Lanz in der aktuellen Ausgabe (erscheint am 3. September) einen Fehler begangen. Das Gegenteil ist der Fall. In der dem Nachrichtenmagazin Focus vom ZDF übermittelten autorisierten Fassung steht der Satz: "Ich bin mir ganz sicher, dass er (gemeint ist Thomas Gottschalk, Anm. der Redaktion) ,Wetten, dass...? schaden will."" Weiter heißt es: "Die Focus-Redaktion hatte die ZDF-Pressestelle am Donnerstagnachmittag darauf hingewiesen, dass das Originalinterview vom ZDF bei der Autorisierung an mehreren Stellen massiv geändert worden sei. Die Redaktion hatte deswegen Gesprächsbedarf angemeldet. Daraufhin erklärte das ZDF per E-Mail, eine nochmalige Überarbeitung ist sicher schon zeitlich nicht möglich, das Interview mit Markus Lanz sei "gelungen" und außerdem "dicht am Original". "


Also noch einmal: Was hat Lanz wirklich gesagt? Hat er den folgenschweren Satz gesagt und das ZDF vergaß später das Interview an dieser Stelle zu bereinigen das „nicht“ aus dem Satz wieder zu entfernen. Oder formulierte er mit „nicht“ und das ZDF strich das Wort aus Versehen? Die Aussagen der Beteiligten lassen sich in beide Richtungen deuten.

Also lieber Focus. Wenn es eine Aufzeichnung von dem Gespräch gibt, dann stellt sie doch bitte online.

Liebes ZDF, muss dieser Autorisierungs-Wahnsinn denn immer sein. Das Umschreiben von Gesprächen nimmt wirklich überhand. Da hat DWDL schonrecht . Vielleicht sollten künftig immer die Pressestellen gleich die Interviews führen und den Medien dann zur Verfügung stellen. Die CDU in Niedersachsen ist in dieser Technik schon ganz weit vorne.

Donnerstag, 2. August 2012

Über diese Nachrichtenportale spricht das Social Web


Ein wunderbares Tool: Süddeutsche.de hat heute sein Angebot um einen Service erweitert, der für alle wichtigen deutschen Web-Medien und ein paar internationale Angebote zeigt, welche drei Storys auf Facebook und Twitter am häufigsten geteilt werden.

So wird sichtbar über welche Storys das Social Web am häufigsten spricht. Rechnet man einfach die Top-3-Empfehlungen im vergangen Monat zusammen erhält man ein Ahnung davon, welche Medien bei Facebook, Twitter & Co. die Meinungsführer sind.



Das Ergebnis: Wenig überraschend führt die New York Times vor der BBC. Bestes deutsches Angebot ist Spiegel Online vor taz.de. Das tolle Abschneiden der tageszeitung hat mich sowohl überrascht und gefreut.

Böse abgeschlagen auf den letzten Platz liegt FTD.de




Süddeutsche.de-Chef Plöchinger erklärt sein Ziel: „Wir sollten dafür sorgen, dass Sie als Leser guten Journalismus im Netz finden, ob bei uns oder anderswo. Auch wenn es in den oft alarmistischen deutschen Internetrecht-Debatten manchmal anders argumentiert wird: Das Netz und damit auch wir als Seite leben vom Verlinken und Verlinktwerden, vom Empfehlen toller Texte, kurz, von offenem Journalismus, wie es Vordenker Alan Rusbridger vom britischen Guardian nennt.“

Recht hat der Mann!

Sonntag, 29. Juli 2012

PM-Porn: Wie Bauer durch die kommunikative Hintertür eine Zeitschrift einstellte


Besondere Pressemitteilungen aus dem Redaktions-Alltag:
Grundsätzlich ist es so, dass ein Verlag im Laufe eines Jahres immer einige neue Magazine auf den Markt bringt. Einige kommen als Sonderhefte, andere als One-Shots und wiederum andere werden gleich mit großen Tamtam eingeführt. So oder so: wenn ein Konzept am Kiosk durchfällt, wird das Blatt wieder eingestampft. So funktioniert der Markt. Das ist halt so. Nicht jeder Titel findet die richtige Zielgruppe, nicht jedes Heft lebt ewig.

Schlimm ist nur, wenn man dem Projekt, dass man beerdigt, nicht den letzten öffentlichen Respekt erweist und es mit offenen Visier einstellt. Aktuelles Beispiel für eine Einstellung durch die kommunikative Hintertür lieferte gerade Bauer Media. Die Hamburger stellten ihr People- und Fashion-Magazin Life&Style ein.

In den vergangenen Jahren wurden für die Zeitschrift unzählige Pressemitteilungen geschrieben So wurde verkündet, dass man die Marktposition in der IVW gefestigt habe, dass es ein Accessoire-Special geben würde oder das Peter Levetzow die Geschäftsführung der Peoplemagazine InTouch und Life&Style übernehmen würde.



Die – zumindest vorübergehende – Einstellung war dem Verlag allerdings noch nicht einmal eine eigene Pressemitteilung wert. Das Ende des Magazins wurde in einer Mitteilung über eine neue InTouch-Kampagne versteckt. Im dritten Absatz heißt es auf einmal: „Im Zuge der Offensive werden Konzeption und Erscheinungsweise von Life&Style verändert und an die Bedürfnisse der Leser und des Marktes angepasst. Für März 2013 ist ein neues monothematisches Heftkonzept geplant. Bisher erschien Life&Style wöchentlich.“


Überschrift der Pressemitteilung, in der die Todesnachricht für Life&Style versteckt war: „InTouch sorgt für unterhaltsame Sommertage“

Freitag, 27. Juli 2012

In eigener Sache: Interview mit DRadio Wissen


Heute Morgen habe ich mich mit DRadio Wissen über Twitter, die olympischen Spiele und die Kooperation zwischen dem Zwitscher-Dienst und NBC unterhalten


Donnerstag, 19. Juli 2012

Der Vorteil von Tageszeitungen gegenüber Online-Portalen


Es gibt einen kleinen aktuellen Blog-Trend, die Zukunft der Tageszeitung anzuzweifeln. Thomas Koch hat dies gerade in einem klasse Beitrag getan. Thomas Knüwer macht dies latent eigentlich immer. Als mich dann heute eine Studentin anrief und ein paar Fragen wegen ihrer Bachelorarbeit stellte, wollte sie unter anderen wissen: „Welchen Vorteil haben Tageszeitungen gegenüber Online-Portalen?“

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen die Ehre der Print-Kollegen zu verteidigen. Ich dacht also kurz nach und antwortet ehrlich: es gibt keinen.

Tatsächlich sind alle Argumente, die man ins Feld führen kann, nicht stichhaltig. So heißt es immer: Tageszeitungen, bieten mehr Hintergrund, ordnen das Geschehen besser ein, haben tolle Kommentare und mehr Abstand, großartige Reportagen, mehr Zeit für Recherchen und die besseren Autoren. Das mag alles Stimmen. Ist aber kein Alleinstellungsmerkmal.

Denn all das kann auch Online. So hat beispielsweise Spiegel Online auch guten Hintergrund, ordnet das Geschehen bereits sehr sauber ein, bietet Kolumnen, hat Reportagen, guten Autoren und saubere Recherche. Manchmal wüscht man den Redakteure noch etwas mehr Zeit. Aber das ist eine Frage der Prioritäten und der noch immer recht knappen Budgets.

Heißt: Im Grunde gibt es keinen echtes Alleinstellungsmerkmal von Tageszeitungen gegenüber einer gut geführten Online-Redaktion.

Was eine Tageszeitung allerdings nicht hat, sind weiterführende Links, erklärende Videos und andere Bewegtbildinhalte, Audioslideshows, spannende Datentools und vor allem die Möglichkeit einen Text ständig zu aktualisieren. So stehen in jeder Tageszeitung am nächsten Morgen immer die Inhalte von gestern. Zudem kann eine Tageszeitung nicht in Echtzeit mit seinen Lesern kommunizieren.

Es sieht also nicht gut aus für die Tageszeitungen.

Kurz zur Ehrenrettung: Mit wirklich überzeugen Inhalten, Top-Autoren, einen kreativen optisch Ansatz sowie einer klaren und überzeugenden Haltung, können Tageszeitungen wie die FAZ und SZ noch immer Punkten und eine Qualität liefern, wie wir sie zur Zeit im deutschen Web nicht finden. Allerdings könnte dies auch ein Web-Portal, wenn das Management bereit wäre, das Experiment zu wagen und das nötige Budget zur Verfügung zu stellen. Mit allem Geld der Welt kann eine Tageszeitung aber kein Bewegtbild, keinen Daten-Journalismus, keine weiterführenden Links, keine aktualisierten Artikel und nicht in Echtzeit mit seinen Lesern kommunizieren.

Deshalb: Es sieht nicht gut aus für die Tageszeitung.

Das Tolle an diesem Posting: Freitagmittag kommen die IVW-Zahlen für das zweit Quartal. Wenn also die Tageszeitungen zu den Auflagengewinnern gehören sollten, dann werden ich einfach an dieses Posting rangehen und es ergänzen. 

Dienstag, 17. Juli 2012

Entzaubert: der blöde Hype um Unboxing-Videos


Nennt mich unromantisch. Aber was neue Technik anbelangt, kann ich dem Hype nur schwerlich nachvollziehen, warum man ein Video davon machen sollte, wie man ein neues Gadget auspackt. Oder genauer: Ich kann einfach nicht verstehen, warum jedes Technik-Blog  - und davon gibt es verdammt viele  - einen eigenen Film drehen muss, in dem man sieht, wie ein neues Handy, ein neuer Computer, Tablet oder ein neues Faxgerät (gibt es die überhaupt noch) ausgepackt wird. Reichen nicht zwei Clips, auf die dann alle verlinken?

Kurze Rede, langer Sinn: sehen Sie sich dieses wunderbare Video an. Unzählige Tech-Blogger und –Redakteure blamieren sich beim Versuch das neue Google-Smartphone mit Stil und Würde auszupacken. Bei der miesen Performance müssten die glatt alle einpacken. 




Montag, 16. Juli 2012

Studien: Über Facebook und Twitter lesen die Menschen Nachrichten, die sie sonst nicht wahrgenommen hätten


Lesen wir über Social Networks wirklich Nachrichten, die wir sonst nicht sehen bzw. wahrnehmen würden? Einer meiner Studenten hatte das bereits vor Wochen gefragt. Zwar spät, aber hier ist die Antwort: Ja. 

Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine eMarketer-Studie, ein Bericht von Simply Measured und eine Untersuchung vom PewResearch Center’s Project for Excellence in Journalism. Demnach gaben im Januar 2012 39 Prozent aller Twitter-Nutzer an, dass sie über den Microblogging-Dienst Nachrichten sahen, die sie nirgendwo sonst in ihrem normalen News-Kosmos wahrnahmen. Bei Facebook lag diese Rate mit 34 Prozent leicht niedriger. 




Vor allem die Einführung der neuen Timeline bei Facebook sorgte dafür, dass die Nutzer mit einer weit größeren Begeisterung Inhalte über das weltweit größte Social Network teilen.

Ein weiterer spannender Effekt ist: Je mehr Inhalte Nutzer teile, desto mehr neuen Content, ob nun Text, Videos oder Bilder, entdecke sie auch. “And the more they discover, the more likely they are to turn first to Facebook for content they used to get elsewhere“, erklärt der eMarketer-Analyst Paul Verna.